#redmylips

Der April ist rum und damit auch der Monat der Aktion #redmylips. Falls ihr noch nichts davon mitbekommen habt, besucht am besten Mal die Website www.redmylips.org und schaut euch auch mal unter #redmylips auf Twitter oder Instagram um.

Es geht darum, dass die Teilnehmer roten Lippenstift tragen, um darauf aufmerksam zu machen, dass weder Lippenstift noch kurze Röcke oder andere Klamotten eine Einladung für Belästigungen jeglicher Art sind. Niemand bittet durch seine Kleidung oder sein Verhalten darum belästigt oder vergewaltigt zu werden. Und dass die Opfer, oder auch viel mehr die Survivors, danach immer noch eine Teilschuld zugeschrieben bekommen, ist absolut nicht ok.

Ich bitte die Leute weder um ihre Meinung, noch um Nachrufe oder abwertende Kommentare, wenn ich das Haus mit knallroten Lippen, Hotpants oder kurzem Rock verlasse. Und ich bin nicht dafür verantwortlich, dass sich andere nicht zurückhalten können oder keinen Respekt haben.

 

Abgesehen davon, dass ich diese Aktion und die Aussagen, für die sie steht, gut und wichtig finde, habe ich auch selbst für mich einige Dinge mitgenommen. Bevor ich genauer darauf eingehe, will ich erst kurz ausholen: Ich fühle mich eigentlich recht wohl in meiner Haut und meinem Körper, was im Vergleich zu vor wenigen Jahren schon ein großer Fortschritt ist. Kritische Kommentare, die mich früher extrem verunsichert und abgeschreckt hätten, prallen mittlerweile an guten Tagen einfach ab und auch an schlechten kann ich sie meistens richtig einordnen. Denn ich habe gelernt, dass am Ende nur zählt, ob mir meine Haarfarbe oder mein Outfit gefällt, jedem anderen kann man es eh nicht recht machen. Und die einzige Person, die täglich mit mir leben und glücklich sein muss und die mich wirklich jeden Tag im Spiegel sieht, bin nun mal ich. Das hatte nicht nur die Folge, dass ich mich mittlerweile selbst wohl fühle, mich traue Kleider zu tragen und meine rot gefärbten Haare liebe, diese Zufriedenheit trage ich auch nach außen und wenn man Bilder von mir von damals und heute vergleicht, sieht man große Unterschiede, nicht nur was das Alter angeht. Mittlerweile gibt es nicht nur deutlich mehr Bilder von mir, weil ich mich nicht mehr vor jeder Kamera verstecke, ich lächle oder lache sogar auf den meisten und einige mag ich sogar selbst.

 

Als ich also am Anfang des Monats auf twitter und Instagram von #redmylips erfahren habe, durch den Blogartikel von Anna von Ink of Books, dachte ich mir: „Find ich gut, da mach ich mit.“ Ich habe also zum ersten Mal knallroten Lippenstift gekauft und wollte ihn tragen. Nur habe ich mich das nicht getraut. Es klingt blöd, aber ich sah komisch aus im Spiegel, extrem ungewohnt, und ich hörte in Gedanken, wie einige Menschen das als „billig“ oder zu aufreizend oder „wie ein Clown aussehen“ verurteilen würden. Wie man sich direkt fragen würde, warum oder für wen ich mich so "aufstyle". Also habe ich mich hastig wieder abgeschminkt und die Aktion doch lassen wollen. Allerdings hat es mich gestört, dass ich mich plötzlich, wegen ein bisschen Lippenstift, wieder so extrem unsicher gefühlt habe. Es hat mich daran erinnert, wie ich früher Angst hatte kurze Hosen oder Kleider zu tragen oder zu tiefe Ausschnitte oder zu bunte Fingernägel – das kommt nämlich alles nicht von ungefähr und wird einem eingeredet oder vorgelebt. Und das noch nicht mal von Menschen, die es böse meinen oder einen klein machen wollen - nein, von Leuten, die es gut meinen und denken, dass sie einen so schützen und man sicherer durch das Leben kommt. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls ist mein Instinkt bei so was ist mittlerweile eher „Rebellion“, weil er einfach zu lange „Anpassen“ war.

Also habe ich es nochmal probiert und am dritten Tag dachte ich mir morgens: „Es reicht, du geht jetzt so aus dem Haus. Und wenn du dich damit nachher immer noch so unwohl fühlst und es einfach nichts für dich ist, dann schminkst du dich in der Mittagspause ab und gut ist.“ Dabei ging es dann nicht mehr nur um die Aktion in diesem Moment, sondern um mich, um das Prinzip. Darum meine Comfort Zone zu verlassen und dazu zu stehen, dass jeder sich so kleiden und schminken sollte, wie er will. Darum, dass ich mir nicht von anderen Leuten und ihren Ansichten diktieren lassen will, wie ich mich kleide oder schminke. Insbesondere nicht von Leuten, die mir zuvor schon Komplexe eingeredet haben. Was folgte, war ein für mich recht aufregender Morgen. Ein Vormittag, an dem ich nervlich angespannt war und die ganze Zeit das Gefühl hatte, dass ich angestarrt werde. Immer wieder hab ich in den kleinen Kosmetikspiegel geschaut, ob auch ja nichts verschmiert ist und ich nicht doch aussehe wie ein Clown. Tat ich natürlich nicht und irgendwann kam das auch bei meinen Gefühlen und Ängsten an. Und dann habe ich nach und nach die ‚bösen Stimmen‘ wieder dahin verschoben, wo sie hingehören, in die hinterste Ecke meiner Gedanken. Aber ich brauchte diesen Mut, das Haus zu verlassen und mir die Chance zu geben selbst herauszufinden, ob ich mir so gefalle oder nicht.

 

Dementsprechend habe ich mich an dem Nachmittag dann auch getraut, ein erstes #redmylips-Selfie zu posten (zu sehen bei den Bildern unter dem Artikel ganz links) und die nächsten Tage wieder Lippenstift zu tragen und so mit an #redmylips teilzunehmen. Und dadurch bin ich in den letzten Wochen mit ein paar Frauen ins Gespräch gekommen, die ebenfalls wegen #redmylips roten Lippenstift trugen. Die paar negativen Kommentare, die ich tatsächlich wie befürchtet bekommen habe, habe ich ignoriert oder auch die Leute zurechtgewiesen, je nach meinem aktuellen Selbstbewusstseinslevel. Wiederum anderen habe ich von der Aktion erzählt und ein paar interessante Gespräche und Diskussionen geführt. Die Aktion war also so weit für mich ein voller Erfolg und auch wenn ich ab jetzt vermutlich nicht jeden Tag mit rotem Lippenstift rumlaufen werde (es ist mir teilweise einfach zu anstrengend und zu messy – man denke nur an all die Gläser, die nun die Frage aufwerfen, ob ich Autorin oder Vampir bin, und die stetige Gefahr, beim Essen tatsächlich zum Clown zu werden), werde ich doch öfter Mal Lippenstift tragen. Zumal es jetzt schon fast zur morgendlichen Routine gehört und ich mittlerweile auch gleich ein paar Lippenstifte besitze.

 

Also mein kleiner Rat an dieser Stelle: Lasst euch nichts einreden, weder von anderen noch von euren eigenen Zweifeln. Traut euch aus der Comfort Zone, probiert neue Sachen aus, auch wenn es im ersten Moment ungewohnt ist und abschreckt. Gerade wenn ihr etwas seht, was ihr für wichtig und richtig haltet und unterstützen könnt, eine bessere Gelegenheit werdet ihr nicht finden. Und später bereut ihr eher die Dinge, die ihr nicht ausprobiert habt.

 

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